Jamyang Dhatsang: ein Thangka-Maler im Atelier Tibet

Wer das Atelier Tibet an der Münstergasse betritt, kann sie nicht übersehen: gleich beim Eingang zwei tanzende Skelette in einem Flammenkranz, dahinter zwei Tiger auf rotem Grund, einen Elefanten mit Juwelen und zwei zornvolle Mahakala. Die Möbel im Laden sind mit traditionellen tibetischen Motiven bemalt. Gemalt hat sie Jamyang Dhatsang.

Jamyang ist ausgebildeter Thangka-Maler. Von ihm stammen auch die Losar-Motive auf unserem Schaufenster und auf unseren Karten, zuletzt das Feuerpferd zum Jahr 2026.

Mit zwölf Jahren wurde er in Tibet in ein Kloster geschickt, um Thangka-Maler zu werden: ins Kloster Dracho, unweit seines Heimatdorfs Zhaku. Zehn Jahre lang lernte er dort diese traditionelle Kunst – und mit ihr die Ikonografie: welche Gottheit wie dargestellt wird, mit welchen Farben, Attributen und Proportionen. Sein Lehrer war Lama Wangchuk, in Tibet und besonders in Zhaku ein angesehener Künstler, der neben der Thangka-Malerei auch Bildhauerei, Töpferei, Schreinerei und Steinmetzarbeit beherrscht.

«Ich bin wirklich dankbar, bei ihm gelernt haben zu dürfen. Seine Anleitung, sein Wissen und seine Hingabe an die traditionelle tibetische Kunst sind für mich eine wertvolle Quelle der Inspiration.»

Seit einigen Jahren lebt Jamyang mit seiner Familie in der Schweiz. Übrigens macht er auch hervorragende Tattoos.

Was ist ein Thangka?

Ein Thangka, tibetisch thang ka, ist ein gemaltes Rollbild. Traditionell wird auf grundierte Baumwolle gemalt, mit Pigmenten aus Mineralien und Pflanzen, für Konturen und Lichter auch mit Gold. Das fertige Bild wird in Brokat gefasst und lässt sich aufrollen – so konnten Thangkas mitgenommen und an wechselnden Orten aufgehängt werden.

Ein Thangka ist kein freies Kunstwerk im westlichen Sinn. Es dient der Lehre und der Meditation, und was darauf zu sehen ist, folgt festen Regeln. Für jede Figur gibt es ein Raster, das die Proportionen vorgibt. Farbe, Haltung, Handgesten und Attribute sind ebenso festgelegt. Die Kunst liegt nicht im Erfinden, sondern in der Genauigkeit und in der Feinheit der Ausführung.

Dieses Wissen wird vom Lehrer an den Schüler weitergegeben, über Jahre. Am Anfang stehen das Zeichnen und das Vermessen der Figuren, erst später kommen Farbe und Gold dazu.

Die Motive im Laden

Die grösste Arbeit zieht sich über zwei Schranktüren: Mahakala, eine zornvolle Schutzgottheit, blau, mit drei Augen, flammenden Brauen und einer Krone aus Schädeln. Zornvolle Gottheiten wirken auf den ersten Blick bedrohlich. In der tibetischen Ikonografie sind sie Schützer – ihr Zorn richtet sich gegen Hindernisse, nicht gegen den Betrachter.

Der Tiger ist in der tibetischen Kunst ein vertrautes Motiv, auf Teppichen ebenso wie auf Möbeln. Er steht für Kraft und Schutz.

Der Elefant trägt eine Schale mit flammenden Juwelen. Als «kostbarer Elefant» gehört er zu den sieben Kostbarkeiten eines universalen Herrschers.

Die beiden tanzenden Skelette sind die Citipati, tibetisch dur khrod bdag po, die Herren des Leichenackers. Sie erinnern an die Vergänglichkeit – ein Motiv, das auch in den Masken-Tänzen der Klöster vorkommt.

Über dem Regal mit den Räucherstäbchen schliesslich ein einzelner Schädel zwischen Wolken – auch er kein Schreckbild, sondern eine Erinnerung an die Vergänglichkeit.

Werke von Jamyang

Ein grosses Werk von Jamyang bieten wir bereits an: eine bemalte Holztüre mit zwei Drachen und einer Juwelenschale, 250 × 99 cm. Weitere Werke folgen. Zudem planen wir mit ihm eine Veranstaltung, an der er die Thangka-Malerei live vorführt. Wir informieren hier, sobald das Datum feststeht.