Tim in Tibet auf Tibetisch. Die Geschichte hinter einem seltenen Sammlerstück

Vor einiger Zeit hatten wir auf Instagram ein paar Bilder aus einem besonderen Comic-Albums gezeigt, auf das wir zufällig gestossen waren: Hergés «Tim in Tibet» - in tibetischer Schrift! Wir wollten das rare Stück nicht weitergeben, bevor wir mehr über die Hintergründe herausgefunden hatten.

Hergés persönlichstes Werk

«Tintin au Tibet» erschien 1958–1959 als Fortsetzungsgeschichte und 1960 als Album. Es ist der 20. Band der Reihe - und für viele der schönste. Hergé selbst nannte ihn seinen liebsten.

Das hat einen Grund, der über das Abenteuerliche hinausgeht. Hergé schuf die Geschichte in einer tiefen persönlichen Krise: Seine erste Ehe zerbrach, und er litt unter quälenden Albträumen, in denen ihn immer wieder grosse, leere weisse Flächen verfolgten. Ein Psychoanalytiker riet ihm, die Arbeit an Tim und Struppi ruhen zu lassen. Hergé entschied sich für das Gegenteil - er goss seine inneren Bilder in eine neue Geschichte. Aus dem geträumten Weiss wurde die endlose Schneelandschaft des Himalaya.

 «Tim in Tibet» wurde das einzige Abenteuer ohne Bösewicht. Es ist eine Erzählung über Freundschaft: Tim weigert sich zu glauben, dass sein Freund Tschang bei einem Flugzeugabsturz im Himalaya umgekommen ist, und bricht gegen jede Vernunft - mit Struppi, Kapitän Haddock und dem Sherpa Tharkey - auf, um ihn zu suchen.

Der Freund, den es wirklich gab

Was viele nicht wissen: Tschang war keine erfundene Figur. Dahinter steht der chinesische Künstler und Bildhauer Zhang Chongren, den Hergé 1934 als jungen Mann in Brüssel kennengelernt hatte. Beide waren damals 27, beide Künstler, und sie wurden rasch enge Freunde. Zhang brachte Hergé die chinesische Kultur, Geschichte und Zeichentechnik näher, was sich für seinen einzigartigen, reduzierten Zeichenstil als prägend erweisen sollte.

Dann kam der Krieg, die beiden verloren den Kontakt - über vier Jahrzehnte lang. Hergé vergass seinen Freund nie und setzte ihm schliesslich in seinem wichtigsten Album ein Denkmal – indem er Tim auf die Suche nach ihm schickte.

Das Leben schrieb schliesslich eine berührende Pointe: 1981 gelang es, Zhang in China ausfindig zu machen und nach Europa einzuladen. Am 18. März 1981 umarmten sich die beiden Männer am Brüsseler Flughafen wieder - nach 47 Jahren Trennung, unter Tränen, vor einer Menge von Journalisten.

Das meistverkaufte Buch über Tibet

«Tim in Tibet» wurde in über dreissig Sprachen übersetzt. Der Tibetologe Donald Lopez nannte es einmal das meistverkaufte Buch über Tibet überhaupt. Für unzählige Menschen im Westen war Hergés Album die allererste Begegnung mit der Landschaft, den Klöstern und der spirituellen Welt Tibets.

Der «Light of Truth Award»

Dass diese Geschichte weit mehr ist als ein Kinderbuch, wurde 2006 auf höchster Ebene bestätigt: In Brüssel verlieh die International Campaign for Tibet der Hergé-Stiftung den Light of Truth Award - im Beisein und mit der Würdigung des Dalai Lama. Die Auszeichnung ehrt jene, die das Bewusstsein für Tibet in der Welt stärken.

Eine kleine Fussnote der Geschichte zeigt, wie politisch dieses scheinbar stille Buch sein kann: Als «Tim in Tibet» 2001 in China erschien, wurde der Titel kurzerhand in «Tim in Chinas Tibet» abgeändert. Erst auf Protest von Casterman und der Hergé-Stiftung erhielt das Buch seinen ursprünglichen Titel zurück.

Das Rätsel der tibetischen Ausgabe

Während wir also einiges über die Geschichte des Albums herausgefunden haben, bleibt die tibetische Ausgabe ein Rätsel. Dessen Entstehungsgeschichte, den Namen des Übersetzers und die Auflagenhöhe haben wir nicht eruieren können. Selbst Tintinologist.org, die in ihrer langen Liste der Sprachausgaben von «Tim in Tibet» Baskisch, Berndeutsch, Vietnamesisch und kapverdisches Kreol verzeichnet, führt den tibetischen Titel nicht auf.

Ein Album, dessen ganzer Zauber im Weissen, im Ungesagten, im Geheimnis des Himalaya liegt, wird also in dieser Ausgabe selbst zum Geheimnis.

Wir haben nur ein Exemplar – first come, first served.

Günstiger und mit höherer Verfügbarkeit gibt's die deutsche, französische, italienische und englische Ausgabe.