Zwei Hirsche, ein Rad - und zwei Monate Handarbeit

Wer im Tösstal zum Klösterlichen Tibet-Institut in Rikon fährt, sieht es beim Eingang als Erstes: Über dem Dach steht das goldene Rad der Lehre, flankiert von zwei liegenden Hirschen, die den Kopf danach recken. Das Institut ist das erste tibetische Kloster in Europa, entstanden Ende der 1960er-Jahre auf Initiative der Zürcher Industriellenfamilie Kuhn für die damals in die Schweiz gekommenen tibetischen Flüchtlinge. Das Ensemble auf dem Dach ist kein Zierrat, sondern die klassische Kennzeichnung: Hier wird die Lehre bewahrt und weitergegeben.
Das Dharmachakra, tibetisch chos kyi 'khor lo, ist das Rad der Lehre. Es geht auf die erste Lehrrede des Buddha zurück, gehalten im Wildpark von Sarnath bei Varanasi - im Bild gesprochen: das erste Drehen des Rades mit den acht Speichen, sinnbildlich für den Achtfachen Pfad.
Die beiden Hirsche gehören zum Ort dieser ersten Rede. Der Wildpark war ein Platz, an dem die Tiere geschützt waren, und in der Überlieferung sind sie es, die als Erste zuhören. Ihre Haltung - liegend, den Kopf zum Rad gehoben - wird als Sinnbild für aufmerksames Zuhören gelesen.
Solche Ensembles sind im Handel kaum zu bekommen. Sie werden für Klöster gefertigt, nicht für den Verkauf - und wer eines will, muss es in Auftrag geben. Das haben wir getan.
Gefertigt wurde die Skulptur in Nepal, in Kupfer, von Hand gearbeitet und ziseliert. Vom ersten Entwurf bis zum fertigen Stück vergingen knapp zwei Monate. Wir konnten die Arbeit über diese Zeit mitverfolgen: das Modellieren, das Formen der einzelnen Teile, das Ziselieren der Lotusblätter Schlag um Schlag, das Zusammenfügen - und zuletzt die Vergoldung.
Am Schluss stand die Feuervergoldung - ein Verfahren, das in Europa praktisch verschwunden ist und in Kathmandu bis heute beherrscht wird.

Das Gold wird dabei nicht aufgetragen, sondern eingebrannt; daher die Tiefe, die eine galvanische Vergoldung nicht erreicht.
Was auf den Werkstattbildern zu sehen ist, sieht nach wenig Ausrüstung aus - ein Holzblock, ein paar Punzen, eine offene Feuerstelle. Es ist die Technik, mit der im Kathmandutal seit Jahrhunderten gearbeitet wird, weitergegeben von den Vorfahren an die heutige Generation. Nichts daran ist Nostalgie: Diese Werkstätten arbeiten so, weil es funktioniert.
Letzte Woche ist Skulptur nach der langen Reise in Zürich angekommen. Sie steht jetzt im Schaufenster an der Münstergasse 10, bis sie ihren neuen Besitzer gefunden hat.
